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Was soll man davon halten, wenn der erste Jahrgang von Lehramtsstudierenden nach der „neuen Lehrerbildung“ noch nicht einmal zur Hälfte mit ihrem Studium fertig ist, aber schon wieder Veränderungen an diesem „Jahrhundertwerk“ vorgenommen werden? Seit dem Jahr 2003 wird diese „neue Lehrerbildung“ in Rheinland-Pfalz intensiv diskutiert. Die zentralen Begründungen für eine Veränderung waren damals: Die Studiendauer sollte erheblich verkürzt werden, die Fachdidaktik- und Bildungswissenschaften sollten ohne Kürzung der Fachwissenschaften ausgeweitet werden, die erste Phase der Lehrerbildung sollte durch umfangreiche Praktika mit der zweiten Phase der Lehrerbildung sinnvoll verbunden werden, das Bachelor-/Masterstrukturmodell sollte Durchlässigkeit und Polyvalenz ermöglichen. Keines dieser Ziele ist durch die Reform erreicht worden. Im Gegenteil: z.B. ein längeres Auslandsstudium von Sprachstudenten wird durch das neue System weitgehend verhindert und die Studiendauer ist für eine ganze Gruppe von Studierenden nicht verkürzt, sondern ganz offiziell verlängert worden.
An den Schulpraktika werden jetzt Detailkorrekturen vorgenommen, ohne dass es zu einer grundlegenden wirklichen Reform und einer wirklichen Entlastung der Fachleiter und Schulen kommt. Im Gegenteil: Die Fachleiter, auf die ja die Hauptarbeit bei der Betreuung der Praktikanten in den höheren Semestern zukommt, können die neuen Aufgaben schon allein aus zeitlichen Gründen nicht mehr bewältigen. Hinzu kommt, dass immer mehr Fachleiterstellen durch sogenannte Lehrbeauftragte ersetzt werden, die mit wesentlich geringerer Bezahlung die gleiche Arbeit leisten sollen wie die regulären Fachleiter – ein seltsames Verständnis von Qualitätssteigerung im Zusammenhang mit der neuen Lehrerbildung! Diese Detailkorrekturen stellen die Ausgangsentscheidung der Kürzung des Referendariats von 24 Monaten auf 15 Monate in der zweiten Phase der gymnasialen Lehrerbildung erheblich in Frage.
Die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz vom 26.06.2008 und der Hochschulrektorenkonferenz vom 08.07.2008 zeigen eindeutig, dass die derzeit gültigen Bachelor- und Masterstudiengänge für die Lehrämter in Rheinland-Pfalz nicht rechtens sind. Malte Blümke, Vorsitzender des Philologenverbandes dazu wörtlich. „Der von uns schon immer stark kritisierte Bachelor- und Masterstudiengang für die Lehrämter wird völlig ad absurdum geführt. Denn nun ist es amtlich: der echte Bachelorabschluss kann erst nach 8 Semestern erzielt werden und nicht nach 6 Semestern, wie dies in der rheinland-pfälzischen Landesverordnung (LVO) zur Lehrerbildung vorgesehen ist.“
Noch grotesker wird der durch die neue LVO vorgeschlagene Weg, dass bei den Studiengängen für die Lehrämter an Grundschulen, Realschulen plus und Förderschulen nach Verlassen der Universitäten erst in der zweiten Phase der Lehrerbildung im Vorbereitungsdienst der Masterabschluss erzielt werden kann. Wie dieser Lehramts-Masterabschluss noch vergleichbar sein kann mit dem wissenschaftlichen Masterabschluss an den deutschen Universitäten und der europaweiten Anerkennung des Masterabschlusses, steht in den Sternen.
Die vom Philologenverband immer wieder vorgebrachte Kritik und die Befürchtungen gegenüber der neuen Lehrerbildung von 2007 und 2010 werden leider mehr als deutlich bestätigt. Malte Blümke: „Die gesamte Richtung der neuen Lehrerbildung führt von dem weg, was wir schon immer für ein Gymnasiallehrerstudium für unverzichtbar gehalten haben. Denn es geht immer mehr in Richtung eines Einheitsstudiums für alle Schularten mit dem verstärkten Anteil an den sogenannten Bildungswissenschaften, während das Fachstudium immer weiter deutlich reduziert wird. Der Philologenverband lehnt diese Entwicklung entschieden ab und sieht darin eine weitgehende Abschaffung einer schulartdifferenzierten Lehrerbildung.“
Das Gymnasium soll seine Schülerinnen und Schüler zum Abitur und zu einem akademischen Studium führen, deshalb müssen die gymnasialen Lehrkräfte ein volles wissenschaftliches Studium absolvieren. Dieses ist insbesondere auch notwendig für die Arbeit in der gymnasialen Oberstufe. Wir sehen in der neuen Lehrerbildung eine weitere Nivellierung und Verschulung des Studiums. Das Studium ist vom ersten Semester an nach wie vor dermaßen verplant, dass die Studierenden keinen Freiraum und kaum alternative Möglichkeiten der Studiengestaltung haben.
Nach den jetzt eingeleiteten erneuten Reformen (wir berichteten in einem Gelben Brief an alle Kolleginnen und Kollegen) werden die Lehramtsstudiengänge an den Universitäten in Zukunft noch weniger mit Magister-, Master-, Diplom- und Promotionsstudiengängen konkurrieren können. Unsere Befürchtungen, die auch von den Universitäten geteilt werden, von einer fachwissenschaftlichen Lehrerausbildung zweiter Wahl werden durch die neue Landesverordnung eindrücklich bestätigt.
Von unserer Seite wurden schon mehrfach Veränderungen in der Lehrerbildung ohne einen radikalen Systembruch vorgeschlagen. Wir begrüßen es durchaus, wenn z. B. die Fachdidaktik, die Fachpraktika, Kerncurricula in den Fachwissenschaften und unterrichtsbezogene Aspekte in die Lehrerbildung eingebracht werden. Wir begrüßen es ebenfalls, wenn die Kritik an der Studierbarkeit der Lehrerbildung in Rheinland-Pfalz ernst genommen wird und echte Verbesserungen vorgenommen werden, die den Arbeitsaufwand der Studierenden deutlich reduzieren! Dies darf aber auf keinen Fall zulasten des akademischen Fachstudiums gehen.