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05.07.2015 07:45 Alter: 2 Jahre

PISA-Ergebnisse entlarven internationalen ‚Akademikerwahn’ - Bildungsforscher Dr. Rainer Bölling zu Gast in Mainz

Kategorie: Aktuelles, Blick ins Gymnasium
Von: Robert Tophofen, stellvertretender Landesvorsitzender

Robert Tophofen

Das Mantra der Wirtschaftsorganisation OECD, dass wir mehr Akademiker brauchen, sowie der in der Gesellschaft weit verbreitete Aberglaube, dass lediglich ein Studium zu Wohlstand und Anerkennung führe, treiben immer mehr Kinder in die Gymnasien und an die Universitäten. Während wir Deutschen international beim so genannten ‚Akademikerwahn’ noch etwas ‚hinterherhinken’, haben viele unserer Nachbarstaaten bereits die von der OECD gewünschten Traumquoten, dies aber mit fatalen Auswirkungen für Staat, Wirtschaft und Gemeinwesen.

Der Bildungsforscher Dr. Rainer Bölling (Düsseldorf) hat anlässlich eines Politischen Bildungsforums der Konrad-Adenauer-Stiftung am 20. Mai in Mainz Zahlen und Fakten präsentiert zum Bildungsgrad der Abiturienten. Unter dem Titel „Viele Abiturienten mit weniger Bildung?“ stellte er die PISA-Ergebnisse der Fünfzehnjährigen aus 2009 den Studierendenquoten aus 2012 gegenüber. Die Diskrepanz zwischen getestetem Leistungsvermögen und dem Erwerb der Studienberechtigung in den verschiedenen Staaten ist frappierend. Bölling legte die Einordnung der Fünfzehnjährigen in die PISA-Kompetenzstufen zugrunde, woraus sich ergab, für welche Wissensbestände jeweils schon die Studienberechtigung zuerkannt wurde. 

In Frankreich, dem OECD-Primus, dessen sozialistische Bildungsministerin die von ihr als ‚elitär’ angesehenen bilingualen Deutsch-Klassen abschaffen will, liegt die Zahl der Schulabgänger mit Hochschulzugangsberechtigung derzeit bei 77%. Bezogen auf den von Bölling analysierten Zeitraum sind allerdings nur 31,9% der Kinder den leistungsstarken Kompetenzstufen 4-6 zuzuordnen, was dem gymnasialen Klientel entspricht. Eine Studienberechtigung erwerben allerdings auch die 26,6% Schüler des mittleren Niveaus der Kompetenzstufe 3 (vgl. Realschule) und sogar noch 17% derer mit Hauptschulkenntnissen. Die Folge sind Brüche und persönliche Niederlagen in der Biographie. An den überfüllten Universitäten in Frankreich wird fast ein Drittel nach dem ersten Semester ausgesiebt. Überdies liegt die Erwerbslosigkeit der 15-24-Jährigen seit Jahren bei über 20% im Gegensatz zu Deutschland mit 8,1% im Bezugszeitraum 2012. 

Ein ähnliches Bild findet sich in Italien, wo drei Viertel eines Jahrgangs eine Studienberechtigung erwerben. Davon liegen allerdings nur 25,6% eines Jahrgangs im leistungsstarken Bereich – in Deutschland sind es immerhin 35,9%. Darüber hinaus gibt es aber auch den Zugang für die 27,7% der mittelmäßigen Schüler sowie für 22% der Hauptschüler. Nach vier Jahren haben dann 30% der Bachelor-Studenten ihr Studium bereits abgebrochen und nur 38 Prozent einen Abschluss geschafft. Schon vor der Euro-Krise lag die Erwerbslosigkeit der 15-24-Jährigen in Italien bei 20-24%, derzeit liegt sie gar bei über 40%. 

In Deutschland rangierte die Zahl derer mit Abitur bei 38%, inklusive weiterer Studienberechtigungen bei 53,5%; dies bei 35,9% Schülern in den Kompetenzstufen 4-6, 26,4% in Stufe drei und 20,4% in Stufe 2.

Neben der Mär vom beruflichen Erfolg entlarven die Zahlen auch die Vorstellung von größerem Wohlstand durch ein Studium. In Italien und Frankreich liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf erheblich unter dem von Deutschland. Spitzenreiter ist hier übrigens die Schweiz, wo laut PISA nicht einmal alle als leistungsstark getesteten Schüler eine Studienberechtigung erwerben. Den 37,7% Schülern der Kompetenzstufen 4-6 steht dort lediglich eine Quote von 33,4% an Studienberechtigten gegenüber. Der Erfolg der Schweiz beruht auf dem dualen Ausbildungssystem, dem in Deutschland in letzter Zeit zwar wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, aber allein so lange immer noch der Glaube vom einzig Heil bringenden Studium in den Köpfen von Politik und Eltern umherspukt, bröckelt das Fundament, auf dem unser Gemeinwohl fußt. 


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