Handschrift und Rechtschreibung: Problembestimmung und Lösungsansatz

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Foto: Cornelia Schwartz

Warum immer die Rechtschreibung?

Insbesondere seit der Veröffentlichung des IQB-Bildungstrends der Grundschulen im Herbst 2017 haben wir im Blick immer wieder die Rechtschreibleistungen von Schülerinnen und Schülern in Rheinland-Pfalz thematisiert. Auf unserer letzten Vollversammlung haben wir einen klaren Auftrag bekommen, uns für eine Stärkung der Rechtschreibung einzusetzen. Unsere eigenen Beobachtungen in puncto Handschrift und Rechtschreibung sowie Rückmeldungen aus Bezirken und Schulen sprechen eine deutliche Sprache: Wir brauchen wieder ein festes Fundament, auf dem wir aufbauen können.

 

Aufgeheiztes Klima

Das Thema Rechtschreibunterricht ist vermintes Gelände. Wendet man sich gegen das „Schreiben nach Gehör“, wird entweder behauptet, das gebe es ja gar nicht in Rheinland-Pfalz, oder man trifft unmittelbar auf „Gesten der Empörung und des Zornes angesichts ketzerischer Behauptungen sowie pathetische Bekundungen tiefen Abscheus“. So beschreibt Konrad Paul Liessmann in seiner Kolumne der Neuen Zürcher Zeitung vom 14.08.2018 sehr treffend ritualisierte Abwehrmanöver, wie wir sie in der Debatte um die Rechtschreibproblematik leider auch erleben. Für den Philosophen Liessmann sind diese Verbalattacken ein Angriff auf die Meinungsfreiheit.

 

All jenen, die im Folgenden hinter jedem Satz unberechtigte und überhebliche Kritik wittern, sei gesagt: Es geht dem Philologenverband nicht um Besserwisserei. Es geht uns, wie allen an Bildungspolitik Beteiligten, um eine wichtige Frage: Wie ermöglichen wir es unseren Kindern, ihr Potential bestmöglich zu entfalten? Diese an der Sache orientierte Diskussion sollten wir offen und ohne Verunglimpfungen führen.

 

Kreativhefte mit Anlauttabelle in Rheinland-Pfalz

Was ist denn nun wirklich der Fall? Ja, es gibt das, was viele landläufig als „Schreiben nach Gehör“ bezeichnen. Nein, es ist nicht die reine Methode „Lesen durch Schreiben“ des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen. Es ist vielmehr eine Kombination aus angeleitetem Schreiben und eigenständigem Schreiben in ein Kreativheft, in das Kinder von Anfang an mithilfe einer Anlauttabelle erste Aufsätze schreiben und das niemand korrigieren darf, um die Kreativität nicht im Keim zu ersticken. So schreiben sie eben die Zahl „Eins“ so, wie sie sich das mit Hilfe der Anlauttabelle zusammensuchen, zum Beispiel als „ainz“. Nach zwei Stunden allerdings kann die Wahrnehmung schon wieder anders aussehen: Wörter werden immer aufs Neue über ihre Lautung zusammengepuzzelt. Wen wundert es da, dass immer öfter ein und dasselbe Wort zu Beginn eines Textes anders aussieht als am Textende?

 

Umkehr in Baden-Württemberg

Für das Nachbarland Baden-Württemberg führt dpa-Reporterin Julia Giertz Sprachwissenschaftler Dirk Betzel von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg als Experten an. Er äußert sich ähnlich ketzerisch wie der Philologenverband Rheinland-Pfalz: „Als einen Grund für schwindende Rechtschreibkompetenz sieht Betzel, dass schon Anfang der ersten Klasse mehr Zeit für das Verfassen von Texten genutzt wird als früher — und weniger für Orthografie.“ Unter Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann hat Baden-Württemberg nun umgesteuert.

 

Schleswig-Holstein als neuer Leuchtturm in der deutschen Bildungslandschaft

In Rheinland-Pfalz arbeitet man derweil konstruktiv an Verbesserungen. Vorbild ist dabei Schleswig-Holstein. Dort umfasst der Grundwortschatz, den ein Viertklässler fehlerfrei beherrschen soll, circa 800 Wörter.

 

Schön wäre es, wenn weitere Maßnahmen aus dem Land der Horizonte übernommen würden: Dort wird das Erlernen einer Schreibschrift wieder explizit als verpflichtend genannt. Im rheinland-pfälzischen Teilrahmenplan Deutsch der Grundschule dagegen heißt es nur, dass das Kind „eine gut lesbare Handschrift flüssig schreiben“ können soll. Die Begriffe „Druckschrift“ und „Schreibschrift“ oder „verbundene Schrift“ kommen nicht vor.

 

Das Problem hinter der Rechtschreibung: Handschrift in Nordrhein-Westfalen

Simone Huth-Haage, familienpolitische Sprecherin und Landtagsabgeordnete der CDU, organisierte einen Vortrag zum Thema „Verlernen unsere Kinder das Schreiben?“ Am 25. Mai 2018 versammelte sich auf Einladung der CDU in Göllheim eine interessierte Zuhörerschaft, um Buchautorin und Lehrerin Maria-Anna Schulze Brüning zu hören und mit ihr zu diskutieren.

 

Schulze Brüning ist Hauptschullehrerin in Nordrhein-Westfalen. Wie viele Lehrkräfte empfand sie die Rechtschreibleistungen ihrer Schülerinnen und Schüler als problematisch. Sie beobachtete die Kinder aufmerksam, bis ihr schließlich bei einem Schüler auffiel: „Du kannst ja gar nicht schreiben.“ „Stimmt“, sagte der teils traurig und teils erleichtert, weil sie das Problem erkannt hatte und sich traute, es offen anzusprechen.

 

Die Kernaussage von Schulze Brüning: Das Hauptproblem vieler Schülerinnen und Schüler, die an die weiterführenden Schulen in NRW kommen, ist nur auf den ersten Blick die Rechtschreibung. Für Schulze Brüning ist sie eher Symptom. Sie identifiziert die Handschrift als die eigentliche Ursache des Problems. Schulze Brüning beobachtet, dass manche ihrer Schüler die Buchstaben immer wieder anders schreiben, das „S“ mal von oben nach unten, mal umgekehrt, die Wörter bleiben nicht auf der Linie, da der Aufbau der Buchstaben nicht klar ist, Buchstaben verbinden sich nicht zu einem Wort, da, wie Schulze Brüning ausführt, die erlernte Schrift keine passenden Übergänge bietet, so dass manche Kinder gleich ganz bei der unverbundenen Druckschrift bleiben und die Schreibschrift kaum noch lesen können.

 

Die selbstgebastelte Druckschrift

Es ist eine selbstgebastelte Druckschrift, diagnostiziert Schulze Brüning, die sich Kinder mit Hilfe der Anlauttabelle selbst beibringen. Sie schreiben die Buchstaben nicht mehr mit einer festgelegten und automatisierten Bewegungsabfolge, sondern haben sich durch das Abmalen von der Anlauttabelle angewöhnt, die Buchstaben zu malen – mit immer wieder neuer Form und unterschiedlicher Größe und Bewegungsrichtung. Das, so Schulze Brüning, verhindert eine flüssige Laufbewegung sowie das Entstehen eines Wortbildes im Kopf, da das Mitlautieren im Kopf, welches das verbundene Schreiben begleitet, fehlt.

 

So entzieht man Kindern das Fundament des Lernens, erklärt die Referentin aus dem Nachbarbundesland: Man enthält ihnen wichtige Lernkanäle, nämlich den motorischen Lernkanal über die Schreibbewegung und den Lernkanal des leisen Mitlautierens vor. Diese Lernkanäle bleiben den Kindern etwa beim Vokabellernen oder Grammatiklernen in der Fremdsprache verschlossen. Schulze Brüning zitiert dazu den Satz eines Fünftklässlers: „Wenn man schnell und gut schreiben könnte, würde Schule wahrscheinlich richtig Spaß machen!“ Es muss wieder deutlich werden, so Schulze Brüning in ihrem Vortrag, dass Schreiben eine Kulturtechnik ist, die man üben muss.

 

Weitere Tücken des ersten Buchstabenlernens ohne Anleitung

Noch etwas fehlt laut Schulze Brüning bei der Methode mit Anlauttabelle und Kreativheft: Es findet kein Fortschritt mehr vom Einfachen zum Komplexen statt. Das Kind wird sofort mit sämtlichen Buchstaben konfrontiert – ohne didaktische Reduktion. Sie bemerkte außerdem, dass sich bei vielen ihrer Schützlinge eine Fehlhaltung des Stiftes eingeschliffen hatte, die den Kindern beim Schreiben über einen längeren Zeitraum hinweg Schmerzen verursacht.

 

Schreibübungen als willkommene Hilfestellung

Diese wichtige Erkenntnis war für Schulze Brüning der Durchbruch bei der Unterstützung ihrer Schülerinnen und Schüler: Unleserliche Schülerhandschriften sind in vielen Fällen keine Folge von Nachlässigkeit, sondern eine Konsequenz grundsätzlichen Unvermögens. Für ihre Schülerinnen und Schüler hat sie daraufhin Schreibübungen für Primar- und Sekundarstufe entworfen, stunden-, wochen- und monatelang mit ihnen trainiert. Sie berichtet, wie glücklich und dankbar ihre Schülerinnen und Schüler für diese Hilfe und Anleitung waren.

 

Daneben hat sie sich immer tiefer in die Materie eingearbeitet, Tausende von Schriftproben aus ihrer eigenen und aus Nachbarschulen untersucht und schließlich zusätzlich zu den Schreibübungen gemeinsam mit Stephan Clauss das Buch „Wer nicht schreibt, bleibt dumm: Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen“ veröffentlicht.

 

Erkenntnisse und Ausblick

Zu Recht wenden sich Schulze Brüning und Clauss in ihrem Buch gegen die „Einzelfalllogik“ von Leuten aus Politik und Wissenschaft, die immer wieder ins Feld führen, ihre Kinder hätten ja schließlich das Schreiben auch auf diese Weise erlernt. Sie übersehen, dass eine Methode nicht für alle gut sein muss, nur weil sie bei ein paar Kindern nicht schiefgeht. Diese Einzelfalllogik hilft im wissenschaftlichen oder bildungspolitischen Diskurs nicht weiter.

 

Die IQB-Studie hat gezeigt: Ja, es gibt ein Problem, zum Beispiel bei den Rechtschreibleistungen in Baden-Württemberg, aber auch in Rheinland-Pfalz. Der Blick nach Nordrhein-Westfalen schärft den Sinn für das Problem hinter schwachen Rechtschreibleistungen, nämlich das tiefer liegende Problem mit der Handschrift.

 

Es fragt sich, ob es damit getan sein wird, von Ministeriumsseite aus einen verbindlichen Grundwortschatz festzulegen. Gehören nicht auch die oben beschriebenen Lehrmethoden in puncto Schrifterwerb und Rechtschreibung unbedingt auf den Prüfstand? In seinem Buch „Lehrerdämmerung“ hat es der Philosoph Prof. Christoph Türcke ausgeführt: Das Begleiten durch einen Lernmoderator alleine genügt nicht; das Zeigen durch den Lehrer ist wichtig, und neben dem entdeckenden Lernen tut auch eine Renaissance des Übens not. Damit unsere Kinder nicht das Denken verlernen. Manche Bundesländer kehren nun dahin zurück.