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Perspektiven bei der Beschulung von Flüchtlingskindern

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

Auf der Tagung des Bildungsausschusses des Philologenverbands am 24. April 2017 in Mainz präsentierte die Leiterin der Gymnasialabteilung beim Ministerium für Bildung, MinDg´ Barbara Mathea, zunächst aktuelle Zahlen für Rheinland-Pfalz: Rund 20.000 Asylbegehrende wurden im Zeitraum von Januar 2016 bis Juni 2017 dem Land zugewiesen (zuletzt etwa 700 monatlich); darunter sind etwa 1.900 schulpflichtige Jungen und 1.200 schulpflichtige Mädchen. Etwa 1.700 lernen derzeit Deutsch in den vom Land eingerichteten Sprachförderkursen. 900 davon nehmen an einem Intensivkurs Deutsch (24 Wochenstunden) teil.

Das Problem: Ressourcen für individuelle Förderung fehlen

Ein Teil der Schülerinnen und Schüler ist inzwischen im Regelunterricht angekommen; an den Gymnasien - so ergeben Umfragen des Philologenverbands - sind es durchschnittlich etwa zehn pro Schule. Sorgen bereitet hier, wie die Kinder und Jugendlichen individuell gefördert werden können. Die Heterogenität werde - so moniert eine Gymnasiallehrerin von einer Integrierten Gesamtschule - immer größer, sodass sich Kolleginnen und Kollegen zurückzögen, weil die Aufgaben nicht mehr zu bewältigen seien und jegliche Unterstützung fehle.

Die Erfahrungen der 22 an der Tagung teilnehmenden Lehrkräfte aus allen Regionen des Landes bestätigen grundsätzlich, dass die erworbenen Deutschkenntnisse der Flüchtlingskinder bei weitem nicht ausreichen, um im regulären Unterricht folgen zu können oder um schriftliche Hausaufgaben oder Klausuren in deutscher Sprache zu bewältigen. Die zusätzlichen, seitens des Landes angebotenen Sprachförderkurse in den Osterferien sind zwar begrüßenswert, letztlich aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Zwar gibt es vereinzelt hoffnungsvoll stimmende Beobachtungen wie gute Kenntnisse im Fach Mathematik bei einigen Syrern, bei einem großen Teil der Kinder aus den Bürgerkriegsgebieten muss aber konstatiert werden, dass sie in den letzten Jahren gar keine Möglichkeit hatten, regulär eine Schule zu besuchen. Neben der Sprachbarriere sind also in vielen Fällen auch fachliche Defizite ein gravierendes Problem.

Lösungsstrategien

Was würden Sie machen, wenn Sie beliebig viel Geld hätten? - Diese Frage leitete die Suche nach Lösungsstrategien für die Flüchtlingskinderbeschulung ein.

1. Personelle Ressourcen schaffen bzw. nutzen

76 unbefristete Stellen sind über alle Schularten hinweg zusätzlich für die Beschulung von Flüchtlingskindern geschaffen worden; auf das Gymnasium sind davon lediglich sechs entfallen, obwohl gerade hier qualitativ die größten Herausforderungen zu meistern sind. Es gibt also erheblichen Nachholbedarf bei der Schaffung von Planstellen für Gymnasiallehrkräfte.

Für die Sprachkurse an den Schulen, die zur Hochschulreife führen, wäre erforderlich, dass sie von Lehrkräften mit der Zusatzqualifikation „Deutsch als Zweitsprache“ oder „Deutsch als Fremdsprache“ unterrichtet werden. Es kann nicht sein, dass qualifizierte Lehrkräfte vor Ort sind - immerhin gibt es über 500 mit der Zusatzqualifikation im Land -, aber nicht eingesetzt werden. Sie erteilen ausschließlich regulären Unterricht, während man für die Sprachkurse oftmals nicht auf Lehramtsabsolventen zurückgreift, sondern befristete Arbeitsverträge im Niedriglohnsektor abschließt.

Der Bildungsausschuss des Philologenverbands empfiehlt ferner die Schaffung von Lernpatensystemen, in die Lehrkräfte, Schülerschaft und Eltern eingebunden werden könnten.

2. Strukturelle Voraussetzungen schaffen

Die von der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, angedachte Einführung einer Migrantenquote - diskutiert werden maximal 35 Prozent pro Klasse - muss im Rahmen von Bemühungen verstanden werden, Integration zu bewältigen und Leistungsabfall zu verhindern. An den Gymnasien in Rheinland-Pfalz lässt sich wegen der noch überschaubaren Zahl an Flüchtlingskindern eine ausgewogene Verteilung auf die verschiedenen Klassen von der Schulleitung vor Ort ohne Quotenfestlegung regeln.

Soll individuelle Förderung von Flüchtlingskindern gelingen, muss vor allem bei einer Verkleinerung der Klassen angesetzt werden. Dass am Gymnasium noch immer die Klassenmesszahl bei 30 liegt, ist bei ständig steigender Heterogenität der Schülerschaft kontraproduktiv. Die bereits versprochene Absenkung des Klassenteilers auf 25 ist nicht nur überfällig, sondern in dem neuen Kontext dringend geboten. Der Philologenverband fordert dies vehement auf Landes- und Bundesebene.

3. Vorhandene Strukturen nutzen

Stefan Mischo vom Staatlichen Eifel-Gymnasium Neuerburg wies auf der Tagung darauf hin, dass es Schulen gebe, die die erforderlichen Strukturen für eine sprachliche Integration anbieten könnten. Seine eigene Schule wirbt beispielsweise mit gezielter Förderung, Binnendifferenzierung und sprachsensiblem Fachunterricht, also mit Strukturen, die aufgrund der über Jahrzehnte geleisteten Beschulung der Kinder von Spätaussiedlern aus Russland entstanden sind: Ein einjähriger Deutschkurs führe zum Sprachniveau B1 bis B2, anschließend gebe es die Möglichkeit, die Aufbauklasse des Gymnasiums (10 A1) zu besuchen. Den Kurs Englisch als Anfangssprache gebe es in der Jahrgangsstufe 11. Für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Alter von 15 bis 19 Jahren wäre das angegliederte Internat ideal und zudem die Kosten in Höhe von 270 € / Monat mit Vollpension überschaubar und ggf. über BaföG finanzierbar. Eine Zuweisung der entsprechenden Schülerklientel sollte gezielt an derartige Schulstandorte erfolgen.

4. Hinführung zum Schulabschluss - Netzwerke ausbauen

Bei allen Bemühungen an unseren Gymnasien wird damit zu rechnen sein, dass nach dem Einsetzen der erforderlichen Benotung im Regelunterricht nach einem individuell flexiblen Zeitfenster viele Flüchtlingskinder eine andere Schullaufbahn einschlagen werden. Übergeordnetes Ziel muss es aber sein, allen Kindern und Jugendlichen einen Schulabschluss zu ermöglichen. Der Bildungsausschuss empfiehlt zu diesem Zweck, bereits bestehende Netzwerke auszubauen. Die Kooperation in Sachen Berufsorientierung sollte insbesondere mit Berufsbildenden Schulen, mit Handwerks- und mittelständischen Gewerbe- aber auch mit größeren Industriebetrieben erfolgen.

VRB und PhV sind auch beim Thema digitale Bildung einig

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

Der Verband Reale Bildung (VRB) hatte zu seinem 7. Ingelheimer Fachkongress, der am 16. März unter dem Motto „Schule 4.0 – Vernetztes Lernen in einer digitalen Welt“ stand, traditionell auch wieder den Philologenverband (PhV) eingeladen.

Die sechs Workshops des Vormittages „Vernetztes Lernen im mobilen Klassenzimmer am Beispiel von Moodle“, „Bring your own device in Theorie und Praxis“, „Digitale Medien in der Berufsorientierung“, „Tablet-Klassen - eine neue Herausforderung“, „Das digitale Klassenbuch“ und „Der Einsatz digitaler Medien im Spannungsfeld zwischen Pädagogik und Recht“ stellten sich den Herausforderungen eines modernen, kompetenzorientierten Unterrichts. Am Nachmittag präsentierte Dr. Hubert Zitt von der Hochschule Kaiserslautern am Beispiel der Science-Fiction-Serie „Star Treck“ wie aus technischen Visionen Realität wurde.

Sowohl Zitt als auch der Vorsitzende des VRB, Timo Lichtenthäler, plädierten bei aller Technikbegeisterung dafür, dass der Mensch im Mittelpunkt bleiben müsse; Lehrkräfte seien nicht durch Apps ersetzbar und persönliche Kommunikation müsse immer Priorität vor digitaler haben.

Auch bei den folgenden Forderungen vertraten sie gemeinsame Überzeugungen mit dem Philologenverband:

Die Schaffung einer digitalen Infrastruktur ist vor allem Ländersache, insbesondere nach der aktuellen Kürzung der Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in diesem Bereich. Hierzu gehören der Aufbau digitaler Kompetenzen an Schulen, ohne die Lehrkräfte zu überfordern. Hilfreich wäre unter anderem die flächendeckende Wiedereinführung Technischer Assistentinnen und Assistenten. PhV und VRB plädieren außerdem für eine Ausweitung des Fortbildungsangebotes im Bereich digitaler Medien. Es bedarf einer digitalen Evolution an den Schulen, keiner Revolution; die althergebrachte Kreidetafel kann durchaus im Wechsel mit Whiteboard und Beamer für eine gesunde mediale Mischung stehen. An vielen Schulen besteht auch weiterhin Ressourcenbedarf im Hardware- und im datenschutzsicheren Softwarebereich.

Theatermittel kürzen = Bildungsmittel kürzen

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

Actio: Dem Neuwieder Schlosstheater drohte zu Jahresbeginn das Aus: Das Land wollte seine Zuschüsse für das laufende Jahr um 50.000 € kürzen und in 2018 noch einmal um 100.000 €. Der Staatssekretär im Wissenschaftsministerium, Prof. Dr. Salvatore Barbaro, hatte bereits am 06. Januar 2017 im SWR-Fernsehen die vorgesehenen Kürzungen mit Hinweis auf die Notwendigkeit struktureller Veränderungen gerechtfertigt.

Reactio: Auch wenn seit seinem Amtsantritt im Mai 2016 sein Ministerium vom „Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur“ (MBWWK) abgetrennt wurde und sich nicht mehr „Bildungsministerium“ nennt, darf es natürlich nicht sein, dass kulturelle Angebote, die für Bildung relevant sind, auf die Streichliste kommen.

Aus diesem Grund ergriff der Philologenverband die Initiative, um das Theater zu unterstützen. Unter anderem erschien in der Rhein-Zeitung am 10.01.2017 folgender Leserbrief:

„Gefährdet“

Nicht genug, dass das Bildungsministerium mehr als 300 Stellen bei den Lehrkräften abbaut, obwohl noch immer Unterricht ausfällt; jetzt gefährdet es auch die Existenz des Schlosstheaters in Neuwied. Muss man hier Geld einsparen, das die Landesregierung der KPMG-Wirtschaftsprüfungsgesellschaft für deren Expertisen zum Flughafen Hahn gezahlt hat? Ist man sich im Bildungsministerium überhaupt darüber bewusst, dass man mit dieser Kürzung auch die Unterrichtsqualität an vielen Schulen im nördlichen Rheinland-Pfalz angreift? Lektüre aus dem Deutschunterricht auf der Bühne zu sehen, hinterlässt nachhaltige Eindrücke bei Schülern. „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen - den Vorhang zu und alle Fragen offen“ gilt dabei vielleicht bei Bertolt Brecht, nicht aber wenn die Schauspieler und der Intendant Walter Ullrich nach der Vorstellung für Fragen den Schulgruppen zur Verfügung stehen.

Ralf Hoffmann, Nauort

Conclusio: Erfreulicherweise kam bereits am 12. Januar die Kehrtwende: Man verzichtet auf die vorgesehenen Kürzungen und sichert damit die Existenz des Schlosstheaters. Der Philologenverband freut sich über den Erfolg und begrüßt die Entscheidung ausdrücklich: Engagierten Lehrerinnen und Lehrern bleibt ein für den Unterricht relevantes Exkursionsziel erhalten; sie können ihre Lerngruppen nun weiterhin an diesen interessanten außerschulischen Lernort nach Neuwied führen.

Jungen Flüchtlingen Bildungswege weisen

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

Wenn vor den Türen eines Gymnasiums im nordrhein-westfälischen Troisdorf rund 20 junge Flüchtlinge stehen, die keine Behörde geschickt hat, sondern die ganz von allein auf die Idee gekommen sind, sich bei der Schule zu melden, dann macht das nachdenklich. Es macht einerseits Hoffnung, weil hier Jugendliche ihren Integrationswillen zeigen und sich aktiv und selbstbewusst um ihre schulische Laufbahn kümmern, andererseits zeigt es das Versagen der Kultusbürokratie, die angesichts der vielen jungen, schulpflichtigen Flüchtlinge völlig überfordert ist. Die Zuständigkeiten für eine Schulzuweisung sind unklar, die Konzepte für eine Beschulung im Regelunterricht völlig unzureichend. Für diese chaotische Situation in Nordrhein-Westfalen die Federführung der Grünen im Bildungsressort als Ursache zu sehen, wäre aber zu monokausal betrachtet.

Auch in Rheinland-Pfalz arbeitet man immer wieder aufs Neue damit, die Verantwortung an die Schulen zu delegieren, natürlich zum Nulltarif. Was hier zu tun ist, bleibt letztlich der jeweiligen Schulleitung überlassen. Vor Ort gelingt es aber oft nicht einmal, die Bildungskarrieren der Flüchtlingskinder zu rekonstruieren – Zeugnisse aus den Herkunftsländern liegen in den wenigsten Fällen vor. Von den derzeit 415.300 Schülerinnen und Schülern in Rheinland-Pfalz im aktuellen Schuljahr 2016/17 haben nach Angaben des Statistischen Landesamtes 80.300 (19,4%) einen Migrationshintergrund (plus 1,5% im Vergleich zu 2015/16). Bei einem großen Teil von ihnen bleibt es zunächst dem Zufall überlassen, ob sie an der Schulart unterrichtet werden, die ihrer Begabung und ihrem Leistungsvermögen entspricht, weil standardisierte Eignungstests fehlen.

Erst Deutsch lernen

Immerhin ist unumstritten: Das Erlernen der deutschen Sprache steht am Anfang im Mittelpunkt des schulischen Lebens der Neuankömmlinge. Für Schülerinnen und Schüler ohne Deutschkenntnisse leisten die Deutsch-Intensivkurse mit Prüfungen auf verschiedenen Niveaus (A1 bis C2) über den Spracherwerb einen wichtigen Integrationsbeitrag.

Weil in Rheinland-Pfalz die jungen Flüchtlinge soweit möglich in den Regelunterricht integriert werden sollen, gibt es hier ein gestaffeltes System: Je nach Deutschkenntnissen ist eine Förderung von zwei oder vier Stunden oder in Kursen mit fünf bis 14 bzw. im Deutsch-Intensivkurs mit 15-20 Wochenstunden vorgesehen.

An den Gymnasien in Rheinland-Pfalz wurde am Ende des vergangenen Schuljahres für 1.311 schulpflichtige Flüchtlingskinder Deutsch-Förderunterricht erteilt.

Die Kritik des Philologenverbands Rheinland-Pfalz

Für die Lehrkräfte, die mit den jungen Flüchtlingen Deutsch lernen, ist keine Qualifikation erforderlich. Viele unterrichten mit Zeitverträgen zu Hungerlöhnen. Für hunderte arbeitsloser Gymnasiallehrkräfte mit Zweitem Staatsexamen im Fach Deutsch gibt es deswegen keine Hoffnung auf neue Planstellen für diese wichtige Aufgabe. Wegen der „Schuldenbremse“ wird weiter an der völlig falschen Stelle gespart. Selbst Lehrkräfte mit Zusatzzertifikat „Deutsch als Zweitsprache (DAZ)“ oder „Deutsch als Fremdsprache (DAF)“ kommen kaum zum Einsatz; für sie ist lediglich über alle Schularten hinweg ein Pool von landesweit zunächst 50 Planstellen geschaffen worden. Da die meisten Flüchtlingskinder an Grundschulen, Realschulen plus und Berufsschulen unterrichtet werden, ist der Anteil der gymnasialen Planstellen verschwindend gering.

Gymnasiale Perspektiven nicht unmöglich, aber schwierig

Viele junge Flüchtlinge befinden sich derzeit noch in Deutsch-Intensivkursen. Bereits im kommenden Schuljahr 2017/18 wird aber die Zahl derer, die nicht mehr nur in einzelnen Stunden, sondern komplett im Regelunterricht beschult werden, erheblich steigen.

In der Regel reichen die bis dahin erworbenen Deutschkenntnisse nicht aus, um schriftliche Klausuren am Gymnasium erfolgreich bewältigen zu können. Das Aussetzen der Noten über einen gewissen Zeitraum ist dann natürlich eine schulordnungskonforme pädagogische Möglichkeit; besorgniserregend ist aber, wenn dieses Mittel an den ersten Gymnasien auch langfristig - über mehrere Schuljahre hinweg - schon als beschlossene Sache gilt. Eine solche Vorgabe kann leicht Gerechtigkeits- und Motivationsprobleme in immer heterogener werdenden Lerngruppen provozieren. Man kann außerdem nur hoffen, dass die Flüchtlingskinderbeschulung nicht als Vorwand missbraucht werden wird, um die Forderung „eine Schule für alle ohne Benotung“ aus der bildungspolitischen Mottenkiste herauszuholen.

Ein weiteres Problem: Eine individuelle Förderung junger Flüchtlinge, die keine oder nur eine unzureichende Schulbildung aus ihren Herkunftsländern mitbringen, kann nicht deren Defizite in dem für einen gymnasialen Erfolg erforderlichen Umfang beseitigen, zumindest nicht in dem vorgegebenen engen schulischen Zeitfenster.

Junge Flüchtlinge ziel- und kompetenzorientiert zur Berufsreife führen

Es wird nach dem Absolvieren der Deutsch-Kurse im schulischen Alltag immer wieder darum gehen, den jungen Flüchtlingen Perspektiven aufzuzeigen, und zwar über die Versetzung am Schuljahresende hinaus.

Nichts wäre schlimmer als hunderttausende integrationswilliger junger Menschen nach zwei Jahren intensiven Erlernens der deutschen Sprache nicht zu einem Schulabschluss führen zu können. Die dann zu erwartende Arbeits- und Perspektivlosigkeit wäre nämlich der Nährboden für islamistischen Extremismus.

Wenn man also eine sich radikalisierende Parallelgesellschaft in Deutschland verhindern will, wenn man stattdessen will, dass Integration - auch in den Arbeitsmarkt - gelingt und die überalterte Gesellschaft in Deutschland von Migration profitiert, dann muss man die Kinder und Jugendlichen, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind, verantwortungsbewusst führen.

Dringend geboten ist also die Hinführung zu einem Schulabschluss, und zwar zu einem Schulabschluss, der zur Berufsreife führt. In Nordrhein-Westfalen hat das Ministerium für Schule und Weiterbildung diese Aufgabe an die Kommunen delegiert. So bietet z.B. die Stadt Bonn jungen Menschen mit Migrationshintergrund außerschulische Prüfungen zum Erwerb des Hauptschulabschlusses an. Prüfungen zum qualifizierten Abschluss der Sekundarstufe I führen die Bezirksregierungen durch.

Die Hinführung von Flüchtlingskindern zum Abitur und zum Hochschulstudium ist wegen der von Jahr zu Jahr problematischeren Akademikerschwemme in Deutschland nicht anzustreben. Der kürzeste Weg in den Beruf wird den Kompetenzen der meisten Flüchtlingskinder eher gerecht als die Vorbereitung auf eine akademische Laufbahn; zudem kann die Chance genutzt werden, endlich wieder Lehrstellen besetzen zu können und Handwerker zu gewinnen, die in absehbarer Zeit in Deutschland dringend benötigt werden.

Wegweisende Instrumentarien in Rheinland-Pfalz ausbauen

In einer Zeit, in der binnen zwei Jahren 1,5 Millionen Asylantragsteller nach Deutschland gekommen sind, ist es unerlässlich, bildungspolitisch in den Bundesländern und über deren Grenzen hinweg vorausschauend und verantwortungsbewusst zu agieren. Das verlangt nach Konzepten (z.B. Unterrichtsprogramme für Lerngruppen mit Schülerinnen und Schülern mit Migrationserfahrung oder Lernprogramme für den individuellen Förderunterricht), nach klaren Vorgaben und nach Investitionen im Bildungsbereich.

In Rheinland-Pfalz sollte das Projekt „Keiner ohne Abschluss“ auf die Flüchtlingskinder ausgeweitet werden. Hier werden erhebliche personelle und materielle Kraftanstrengungen erforderlich werden. Entlastungsstunden für die in dem Bereich engagierten Lehrkräfte reichen alleine nicht aus; es bedarf neuer Plan- und Funktionsstellen zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben.

Das Aus- und Fortbildungsangebot des Pädagogischen Landesinstitutes für Lehrkräfte muss in zweifacher Hinsicht erheblich ausgebaut werden: Erforderlich sind einerseits wesentlich mehr Lehrgänge „Deutsch als Zweitsprache“ und andererseits die Ausbildung von Lehrkräften für den stark beworbenen „muttersprachlichen Unterricht“. Um hier ein flächendeckendes Angebot machen zu können, reichen die landesweit knapp 150 Lehrkräfte für alle Herkunftssprachen der Migrantinnen und Migranten bei weitem nicht aus.

Bildungsministerin Stefanie Hubig will die „Potenzialanalyse“, die ja zur Kompetenzfindung für jugendliche Schülerinnen und Schüler beitragen soll, in allen siebten Klassenstufen etablieren. Für Flüchtlingskinder könnte im Hinblick auf deren berufliche Orientierung eine modifizierte Potenzialanalyse sinnvoll sein. Eine Anpassung an die neue Zielgruppe müsste allerdings sehr schnell, in den nächsten sechs Monaten, geschehen. Eine Potenzialanalyse an den Gymnasien sieht der Philologenverband kritisch, weil die Einführung immer neuer Instrumentarien die Kontinuität des Unterrichtens unterbricht. Die Gymnasien leisten im Rahmen der Berufs- und Studienberatung bereits jetzt Beachtliches.

Deutscher Philologenverband zur Beschulung von Flüchtlingskindern

Der Bildungspolitische Ausschuss des Deutschen Philologenverbands (DPhV) hat sich auf seiner Herbsttagung 2016 in Königswinter intensiv mit der Beschulung von Flüchtlingskindern befasst und Positionen formuliert. Auf dieser Grundlage fordert er im Kern Folgendes:

• eine zentrale bildungsbiographische Ersterfassung,

• die Feststellung der Eignung für eine bestimmte Schullaufbahn,

• die Einrichtung von Vorbereitungsklassen zum Erwerb der deutschen Sprache mit maximal 12 Schülerinnen und Schülern, die von ausgebildeten Lehrkräften geleitet werden müssen (insbesondere von Lehrkräften mit DAZ- oder DAF- Zusatzqualifikation),

• eine sukzessive Integration der Flüchtlingskinder in den Regelunterricht mit individueller Förderung und regulärer Benotung und einer Klassenmesszahl für solche Lerngruppen von maximal 25

• und ein Nachdenken über den Erwerb eines Schulabschlusses auf alternativen Wegen für Flüchtlingskinder, deren Beschulung im Regelunterricht nicht zielführend ist.

Handwerk trifft gymnasiale Bildung

Gemeinsame Presseerklärung des Philologenverbands Rheinland-Pfalz und der Handwerkskammer Trier

Eines haben akademische Bildung und berufliche Bildung gemeinsam: Sie sind hochgradig gefährdet, so die Einschätzung von Manfred Bitter, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Trier, und Ralf Hoffmann, Bildungsreferent des Philologenverbands Rheinland-Pfalz. Bitter, Gastreferent beim Bildungsausschuss des Philologenverbands, löste mit seinen Ausführungen am 4. April in Mainz eine lebhafte und ertragreiche Diskussion aus.

Die Diagnose:

Das Abitur verliert in vielen Bundesländern neben anderen Schulabschlüssen immer mehr an Aussagekraft und Wertigkeit aufgrund von immer weiter nach unten angepassten Anforderungen und wegen Notendumpings. Bei einer Abiturientenquote von fast 60 Prozent gilt eben nicht mehr der Automatismus „das Beste fürs Kind ist Abitur, dann Studium, dann ein gut bezahlter Akademiker-Job“. Teilzeitbeschäftigung, befristete Arbeitsverträge und prekäre Einkommen von unter 10 € brutto pro Stunde sind bereits jetzt keine Seltenheit mehr bei Absolventen eines akademischen Studiums. Hinzu kommt: Das Geldverdienen beginnt bei diesem Personenkreis oft erst mit 27 oder 28 Jahren.

Eine Gleichwertigkeit zwischen akademischer und beruflicher Bildung ist bislang aber weder in den Köpfen von Schülerinnen und Schülern noch von Eltern angekommen, obwohl die hiesige duale Ausbildung mit der Fortbildungsmöglichkeit zum Meister international anerkannt ist. Für das Handwerk droht eine Abwärtsspirale: quantitativ immer weniger Lehrstellenbewerber, qualitativ immer schwächere Bewerber, schwache Gesellen, schwache Meister, fehlender qualifizierter Unternehmernachwuchs. Eine Kernherausforderung ist also eine qualifizierte Lehrlingsausbildung; Meister fallen nicht vom Himmel.

Die Therapie:

Eine Imagekampagne zugunsten einer dualen Ausbildung mit Berufsinformationsveranstaltungen muss an den allgemein bildenden Schulen intensiviert werden, allerdings unbürokratisch und ohne Detailvorschriften, die die Schulen in ein enges Korsett schnüren. Erste bildungspolitische Weichenstellungen in Richtung der Wertschätzung auch der beruflichen Bildung sind in Rheinland-Pfalz zwar erfolgt, falsche Leitbilder müssen aber noch korrigiert werden: Wir brauchen wieder mehr neue Lehrverträge als Studienanfänger. „Abitur für alle“ darf nicht zum Motto werden, „Chancengerechtigkeit für alle, auch für die praktisch Begabten“, sollte die Devise lauten.

Mit dieser Positionierung üben Handwerkskammer und Philologenverband einvernehmlich erneut Kritik an der OECD und an deren Thesen, die Akademikerquote in Deutschland sei zu niedrig und eine duale Ausbildung sei ein sozialer Abstieg.

Verantwortung für künftige Generationen übernehmen heißt, realistische Zukunftsperspektiven aufzeigen. Hier bedarf es der Einsicht, dass nicht für jedes Kind ein Studium empfehlenswert ist; eine duale Ausbildung bietet quasi eine Beschäftigungsgarantie und damit berufliche Sicherheit. Die Durchlässigkeit der Bildungswege ist eine wertvolle Hilfe, immer wieder Richtungsänderungen auf den Bildungswegen verantwortungsbewusst vorzunehmen.

Bei der Integration von Flüchtlingen gilt es zu berücksichtigen: Insbesondere für diese Zielgruppe muss eine Ausbildung attraktiver gemacht werden als ein Minijob mit 8,50 € Mindestlohn, ansonsten wird man hier kaum neue Lehrlinge gewinnen können, sondern eine milliardenschwere Belastung für die staatlichen Sozialsysteme und damit für den Steuerzahler vorprogrammieren.

Für alle Bildungs- und Ausbildungslaufbahnen sollte klar sein: eine Anstrengungskultur muss wiederbelebt und eingefordert werden.

„Vera-8“ - Zumutung oder Lachnummer?

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

„Dieses Jahr ist Deutsch dran gewesen“

Alles beginnt bei der diesjährigen Vergleichsarbeit für die Klassen 8 - kurz „Vera-8“ genannt - mit einer 8-seitigen Anleitung, die den Lehrkörper mit der Durchführung des Tests vertraut machen soll. Hierin ist genau vorgeschrieben, in welchem Wortlaut - und hierfür bedarf es 423 Wörter - die Arbeitsanweisungen in der Klasse vorgelesen werden müssen. Die Lehrkraft tut gut daran, sich nicht über eine totalitäre Vereinnahmung zu ärgern, sondern sich z.B. auf ein Rollenspiel einzulassen und den Statisten zu geben, der roboterhaft Anweisungen ausführt und dementsprechend seinen Text abspult. In der Praxis sorgt eine solch pervertierte Lehrer-Karikatur für Amüsement bei der Zielgruppe, und wir gehen dabei einmal von einer durchschnittlichen, 28-köpfigen gymnasialen Lerngruppe aus.

Extrem fragwürdige Kompetenztestung für Schülerinnen und Schüler

Wer sich in hoffnungsvoller Erwartung auf eine Musterklausur gefreut hat, die endlich kompetenzorientiert ist, weil sie die nationalen Bildungsstandards berücksichtigt, dem sei gesagt: Obacht!

Man sollte da einmal überdenken, ob 270 Ankreuzmöglichkeiten im Multiple-Choice-Stil tatsächlich Aufschlüsse z.B. über kommunikative Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler geben können. Selbstständiges Schreiben (kreativ, reflektierend oder kommunikativ) wird in dem Test nicht verlangt; und wenn einmal ganze Sätze formuliert werden müssen, reicht es oftmals aus, Passagen aus dem vorgegebenen Arbeitsmaterial abzuschreiben und in die etwa 60 dafür vorgesehenen Textlücken einzufügen.

Insofern ist es den Deutsch-Lehrkräften dringend geboten, den Hinweisen auf den Seiten des Bildungsservers Rheinland-Pfalz zu folgen und den Test „Vera 8“ nicht als Klassenarbeit zu gebrauchen; er taugt überhaupt nicht als Bewertungsgrundlage für die Notenvergabe, ist er doch auch in keiner Weise mit dem Deutschunterricht verknüpft. Bei einer nicht repräsentativen Stichprobe (100 Schülerinnen und Schüler) hat sich außerdem eine fehlende Trennschärfe gezeigt: Sehr gute und sehr schwache Leistungen sind fast nicht vorgekommen; über 90% der Schülerinnen und Schüler haben zwischen 45 und 70% der Aufgaben gelöst.

Mit Medienkompetenz kommen die Prüflinge nur insofern in Berührung, als das einzig zulässige Hilfsmittel „ein schwarzer oder dunkelblauer Stift“ ist (Durchführungserläuterung zu Vera-8, Seite 2). Der Duden darf nicht etwa, wie es ansonsten bei Klassenarbeiten in Rheinland-Pfalz üblich ist, zu Korrekturzwecken verwendet werden. Unberücksichtigt bleiben in diesem Zusammenhang auch bestehende Vereinbarungen zu einem Nachteilsausgleich. Sämtliche Inklusionsbemühungen konzentrieren sich in dem Test auf ein Kreuzchen im Schülererfassungsbogen, das die jeweilige Lernbehinderung angibt.

Möglicherweise unbeabsichtigte Kompetenztestung für Lehrkräfte

Ganz anders sieht das bei den Lehrkräften aus. Auch wenn es zunächst eine 19-seitige Auswertungsanleitung für den Test gibt, die wenig Spielraum für die Überprüfung eigener Kompetenzen zu geben scheint – bei Lehrerinnen und Lehrern sind Kompetenzen im Rahmen der Korrekturen gefragt:

Verdeutlichen wir uns dies unter Rückgriff auf die eingangs erwähnte Gymnasialklasse: Es warten unter den gegebenen Umständen 644 Korrekturseiten mit rund 1.700 Textelementen und 7.560 Ankreuzmöglichkeiten auf die Deutschlehrerin bzw. den Deutschlehrer. Die in der Auswertungsanleitung vorgesehene Verschlüsselung (1 = richtig, 2 = falsch, 3 = nicht beantwortet) ist zunächst manuell (Kuli, Auswertungsbogen) und dann digital (Online-Eingabemaske beim „Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung“ an der Uni Koblenz-Landau) zu bewältigen. Die Erfordernis medialer Kompetenz – unter anderem schon beim passwortgeschützten Einloggen – ist offensichtlich.

Wenn gut zwölf Stunden zusätzlicher, unbezahlter Korrekturaufwand bevorstehen, erweisen in der Praxis möglicherweise zwei weitere Kompetenzen hilfreiche Dienste: Mittels Führungskompetenz könnte man einen Teil der Korrekturarbeit in die Fachschaft Deutsch verlagern, denn die soll ja auch anschließend auf der Basis der Testauswertung kooperativ Unterricht entwickeln. Gegebenenfalls kann man aber auch auf der in vielen Kollegien vorhandenen hohen Sozialkompetenz aufbauen, die dann nach dem Motto „geteiltes Leid ist halbes Leid“ für eine entsprechende Entlastung beim Korrigieren sorgt.

Gut auch, wenn man mehr organisatorische Kompetenz aufweist als die Macher der Korrekturvorlage. Weil hier die Seitenumbrüche andere sind als in den Schülerbögen, braucht es Kolleginnen und Kollegen, die sofort messerscharf erkennen, dass es arbeitseffektiver ist, zunächst die vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) angebotenen Korrekturvorlagen entsprechend zurechtzuschneiden und neu zu kopieren, damit man sie dann neben die Schülerbögen legen kann und somit Übertragungsfehler vermeidet.

Kommunikative Kompetenz können schließlich Lehrkräfte zeigen, wenn sie auf die Äußerung eines Schülers „Warum korrigieren das nicht die Leute, die kein besseres Hobby haben?“ eine angemessene Antwort geben.

Fazit

Schwer einzuschätzen, ob die Alternative - den Test nach seiner Auswertung zu entsorgen oder den Schülerinnen und Schülern zurückzugeben - den Lehrkräften, die ihre Arbeitszeit dafür investiert haben, komisch, absurd oder zynisch erscheint.

Positiv nur, dass es Vera-8 in Rheinland-Pfalz verpflichtend für jedes Hauptfach nur noch in dreijährigem Turnus gibt und nicht mehr jährlich, wie es noch in einigen anderen Bundesländern der Fall ist. Zu dieser Veränderung hat sicherlich auch die stets fundamentale Kritik des hiesigen Philologenverbands beigetragen.

Eine neue Aufgabe, die das IQB an der Humboldt-Universität zu Berlin ins Auge fasst, ist eine Evaluierung der zentralen Teile der Abiturprüfung. - „Nachtigall, ick hör dir trapsen“ … mangels eigenen Personals im Institut droht die Umsetzung solcher Vorhaben wieder auf Kosten der Zeit der Kolleginnen und Kollegen an den Schulen vor Ort, die mit Abiturprüfungen ohnehin schon zusätzlich belastet sind. Hier gilt den im Land Verantwortlichen der Appell: Wehret den Anfängen oder schafft nötige personelle Ressourcen, die sich dann solcher Zusatzaufgaben annehmen können.

Foto: Vera-8 - Korrekturberg für eine achte Klasse

Inklusionsgespräche mit der „Gehörlosenschule“ Trier

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

Mit einem Besuch der Wilhelm-Hubert-Cüppers-Schule (WHCS), Landesschule für Gehörlose und Schwerhörige, in Trier führt der Philologenverband die gute Tradition fort, mit den Förderschulen des Landes in Kontakt zu bleiben, und kommt einem Auftrag seiner Vertreterversammlung nach. Diese hat im November 2015 die Befürchtung formuliert, dass die vermehrt zu bewältigenden Inklusionsaufgaben in vielen Fällen eine Überforderung der Regelschulen im didaktisch-methodischen und im personellen Bereich darstellen können. Sie hat folglich den Bildungsausschuss damit beauftragt, daran mitzuwirken, dass für Inklusionsbestrebungen im schulischen Bereich eine Beratungsstruktur etabliert wird.

Die Schulleiterin der WHCS, Ulrike Moog, empfing am 9. September die Gruppe des Verbands unter der Leitung von Ralf Hoffmann, der als Vertreter der Hauptpersonalrates Gymnasien und Kollegs seit Beginn der Inklusionsdebatte in Landesgremien bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention mitwirkt.

Allein der Elternwille zählt

Seit der Änderung des Schulgesetzes im August 2014 zählt in Rheinland-Pfalz bei der Wahl der Schullaufbahn für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ausschließlich der Elternwille: „Die Entscheidung, ob der Schulbesuch an einer Förderschule oder im inklusiven Unterricht erfolgen soll, treffen die Eltern“ (SchulG §3, Abs. 5). Sie könnten sich also sowohl gegen eine Schullaufbahnempfehlung als auch gegen die Ratschläge einer im Schulgesetz vorgesehenen „Beratung“ (SchulG §59, Abs. 4) entscheiden.

Förderschulen haben hohe Beratungskompetenz

Die Frage, welche Schule die „Beratung“ durchführt (die aufnehmende oder die abgebende bzw. die Förderschule oder die inklusiv unterrichtende Regelschule), beantwortet das Schulgesetz nicht. Hier besteht also jeweils Klärungsbedarf vor Ort.

Die Zusage der Landesregierung, die Förderschulen nicht abzuschaffen, sondern die dort vorhandene sonderpädagogische Expertise für inklusiv arbeitende Regelschulen in Form der Etablierung von Förder- und Beratungszentren zu nutzen, hat der Philologenverband wiederholt ausdrücklich begrüßt.

Auch beim Besuch an der WHCS bestätigt sich: Die Förderschule hat eine hohe Beratungskompetenz. Sie blickt auf eine erfahrungsreiche, 130-jährige Tradition zurück; Konzept, Expertenwissen und persönliches Engagement vor Ort überzeugen. Wolfgang Romann, der stellvertretende Schulleiter der WHCS, präsentierte z.B. die räumliche und technische Ausstattung der Schule bei einem Rundgang, die für eine optimale Förderung von hörbeeinträchtigten Schülerinnen und Schülern erforderlich ist und die an vielen inklusiv arbeitenden Regelschulen noch fehlt.

Beratung durch die Förderschulen weiter etablieren

Bei einer Beratung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und deren Eltern müssen die Förderschulen - insbesondere wenn sie Förder- und Beratungszentrum sind - beteiligt sein, und zwar nicht nur bei der Frage nach der Schulwahl. Sie bieten darüber hinaus unentbehrlichen Rat und Hilfe zum Gelingen einer inklusiven Beschulung an Regelschulen, insbesondere beim Erstellen von „Förderplänen“ und bei der Festlegung eines „Nachteilsausgleichs“.

Individuelle Förderung erfordert Einzelfallbesprechungen unter Einbeziehung der spezifischen Expertise der Förderschulen. Eine umfangreiche, zeitaufwändige, intensive Kommunikation zwischen den beteiligten Schulen im Beratungsprozess ist da notwendig, kann aber ohne zusätzliche personelle Ressourcen bzw. Entlastungsstunden nicht flächendeckend gelingen. Die Abschaffung des Ressourcenvorbehalts war ein großer Fehler; Inklusion gelingt nicht zum Nulltarif, sondern dort, wo das Land investiert.

Förder- und Beratungszentren bieten derzeit meist eine nachfrageorientierte Beratung an; diese sollten die ihnen zugeordneten, inklusiv arbeitenden Regelschulen immer wieder anfordern. Darüber hinaus sollten aber auch Kapazitäten für Initiativberatungen aufgebaut werden.

Hörverstehensprüfung für Hörbeeinträchtigte im Abitur 2017 problematisch

Schon bei den Begrifflichkeiten gibt es oft noch Beratungsbedarf. Ein Beispiel ist der gemäß SchulG §3, Abs. 5, zu gewährende „Nachteilsausgleich“. Ein „Nachteilsausgleich“ verlangt nicht nach einer Reduzierung der Anforderungen, wie gerade an den Gymnasien immer wieder befürchtet wird, sondern nach einer Förderung, die die behinderungsbedingten, fachärztlich attestierten Beeinträchtigungen so kompensiert, dass auch auf einem qualitativ hohen Niveau gearbeitet werden kann.

Schon im Mai dieses Jahres hat der Philologenverband das Ministerium darauf hingewiesen, dass die in 2017 erstmals vorgesehene Hörverstehensaufgabe im zentralen Teil des Fremdsprachenabiturs für hörbeeinträchtigte Schülerinnen und Schüler äußerst problematisch ist; der Dialog mit den Förderschulkollegen an der WHCS hat diese Einschätzung klar bestätigt.

Neben anderen Landesschulen hat auch die WHCS Trier das Bildungsministerium hinsichtlich eines Nachteilsausgleichs beraten, und auf dieser Grundlage sind folgende Hinweise für die kommende Abiturprüfung entstanden:

• Für hörbeeinträchtigte Schülerinnen und Schüler ist zunächst ein individueller Nachteilsausgleich anzuwenden (z.B. extra Raum für die Prüfung, Kopfhörer, Arbeitszeitverlängerung).

• Wenn die Hörverstehensaufgabe wegen der Schwere der Hörbehinderung gar nicht bearbeitet werden kann, wird die Schreibaufgabe von der Lehrkraft im Umfang entsprechend ausgebaut und deren Gewichtung erhöht.

• Das Rundschreiben zur Abiturprüfungsordnung für das Abitur 2017 legt zudem fest, dass die Entscheidung über den individuellen Nachteilsausgleich der/die Vorsitzende der Abiturprüfungskommission trifft, und zwar unter Berücksichtigung der Vorschläge der regional zuständigen Landesschule für Schwerhörige und Gehörlose.

Kurzkritik

Zu begrüßen ist, dass die nun erfolgten Regelungen den im Land allseits wertgeschätzten Inklusionsgedanken retten oder polemisch formuliert: Von keinem Tauben wird mehr verlangt, dass er im Abitur einen Hörtest besteht. Aber: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Für den zentralen Aufgabenteil ließen sich wesentlich unproblematischere Aufgabenformen finden, die den Lehrkräften vor Ort Zeit und Arbeitsaufwand ersparen würden.

„lyrix“ - Philologenverband fördert junge Talente

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent, und Malte Blümke, Ehrenvorsitzender

Mit rund 10.000 Wettbewerbsbeiträgen in Gedichtform gilt das „lyrix“-Projekt heute als einer der erfolgreichsten Schülerwettbewerbe in Deutschland. Der Deutsche Philologenverband, der Deutschlandfunk, der Friedrich-Bödecker-Kreis und der Deutsche Museumsbund kooperieren bei der Ausrichtung des bundesweiten Wettbewerbs eng miteinander. Auch dem Bildungsausschuss des rheinland-pfälzischen Philologenverbands ist es ein Anliegen, junge Menschen von 10 bis 20 Jahren für Lyrik zu begeistern, gerade weil lyrische Texte als verdichtete Texte anspruchsvoll sind. Von Anfang an sind die drei Jurymitglieder Horst Schädlich, Malte Blümke und Ralf Hoffmann mit dabei und unterstützen den Wettbewerb mit Konzepten und Unterrichtsentwürfen.

„Lyrik passiert“ im Museum

Im September 2016 machte der internationale „lyrix“-Wettbewerb mit zahlreichen Schreibwerkstätten erneut Station in Rheinland-Pfalz, und zwar im Rheinischen Landesmuseum, im Stadtmuseum Simeonstift und im Museum am Dom in Trier. Die aktuelle Ausstellung der drei großen Trierer Museen „Nero. Kaiser, Künstler und Tyrann“ - so die Idee der Veranstalter - sollte mit ihren Exponaten Inspiration für die Nachwuchslyriker sein, zum September-Monatsmotto „zwischen Gut und Böse“ Gedichte zu schreiben. Der Bildungsausschuss des Philologenverbands traf im Rahmen der „lyrix“ - Veranstaltungen am 9. September mit dem Wiener Lyriker Georg Bydlinski zusammen, der aus seinen Texten las und Denkanstöße bot. Mit der Formulierung „Lyrik passiert“ wies er beispielsweise darauf hin, dass es Ruhe, Zeit und Muße braucht, um tiefgründige Texte in gebundener Sprache zu verfassen.

Bildungsministerin würdigt „lyrix“ - Projekt

Zu den Preisträgern im bundesweiten „lyrix“ - Gedichtwettbewerb gehören auch immer wieder Schülerinnen und Schüler aus Rheinland-Pfalz: In diesem Jahr gratulierte auch Bildungsministerin Stefanie Hubig unter anderem Marie-Celestine Cronhard-Lück-Giessen (Pirmasens), Julia Fourate (Montabaur) und Moritz Schlenstedt (Ingelheim). Hubig lobte den erfolgreichen Literaturwettbewerb, biete er jungen Menschen doch die Möglichkeit, durch kreativen und innovativen Umgang mit Sprache ihre Gefühle, Meinungen und Erlebnisse auszudrücken.

Schulgesundheit? - Da hilft nur die richtige Medizin

Foto v.r.n.l.: Ralf Hoffmann (PhV-Bildungsreferent) und Sigrid Janotta-Fischer (Stv. Vorsitzende des PhV) danken Prof. Dr. med. Stephan Letzel (Leiter des Instituts für Lehrergesundheit) für sein unermüdliches Engagement im Interesse der Gesundheit an den Schulen des Landes.

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

Der 1. Rheinland-Pfälzische Tag der Schulgesundheit am 15. Januar 2016 war zugleich der fünfte Geburtstag des Instituts für Lehrergesundheit (IfL), zu dem auch der Philologenverband am Rande der Festveranstaltung in der Alten Mensa der Uni Mainz gratulierte.

In den letzten Jahren hat das bundesweit einzigartige Institut, das an die Universitätsmedizin (ans Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin) angegliedert ist, sein Engagement sukzessive ausgebaut, sodass heute über 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Sprechstunden für Lehrkräfte, arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Beratung, Messen von Nachhallzeiten im Kampf gegen den Lärm im Klassenzimmer, Betriebliches Eingliederungsmanagement, Präventions- und Fortbildungsarbeit oder Impfungen anbieten. Zum zweiten Mal erschienen ist 2015 ein ausführlicher Gesundheitsbericht für die etwa 45.000 Lehrkräfte im Zuständigkeitsbereich.

Die öffentlichkeitswirksame Gründung des Instituts im Jahr 2011 zeigte, dass die Gesundheit der Lehrkräfte ein Anliegen der Landesregierung war. Es ist aber kein Freibrief, ein solches Institut zu haben; es ist vor allem erforderlich, die auf wissenschaftlichen Expertisen gewonnenen Erkenntnisse permanent in eine Bildungspolitik umzusetzen, die die Gesundheit der Lehrkräfte bewahrt. Bildungsministerin Vera Reiß verpflichtet sich dieser Sorgfaltspflicht des Dienstherrn, wenn sie in ihrer Festansprache eine Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO heranzieht: „Gesundheit ist ein Zustand des Wohlbefindens, nicht nur eine Freiheit von Krankheit und Gebrechen.“ Wer eine gute Schule wolle, so Reiß weiter, müsse sich dauerhaft der Gesundheit derer widmen, die dort arbeiteten. Da nehmen wir sie beim Wort und fragen kritisch:

Was tut die Landesregierung für die Gesundheit unserer Referendarinnen und Referendare?

Das IfL hat bereits im Gesundheitsbericht 2013/14 darauf hingewiesen, dass die Belastungen im Vorbereitungsdienst als problematisch empfunden werden. Ausdrücklich beklagt werden von Referendarinnen und Referendaren Selbstzweifel, Unsicherheit und fehlende Freiräume. Erste konkrete Zahlen bestätigen nun: Die Krankmeldungen von Lehramtsanwärtern liegen in Relation zur Gesamtzahl der Lehrkräfte um ein Vielfaches höher als bei Planstelleninhabern. Der Philologenverband wiederholt gebetsmühlenartig: Die Verkürzung der Vorbereitungszeit in der zweiten Ausbildungsphase um sechs Monate mit der Folge stressiger Terminverdichtung, der eigenverantwortliche Unterricht der Referendare vom ersten Tag an und das Verheimlichen von Noten im ersten Ausbildungsjahr sind Fehlentscheidungen gewesen, und jetzt wird klar, dass sie auch auf Kosten der Gesundheit vieler junger Lehrkräfte gehen.

Warum sorgt die Landesregierung nicht mittels Senkung der Klassenmesszahl für Entlastung?

Das IfL hat bei sechs von zehn Lehrkräften an Gymnasien einen Rückgang der Arbeitszufriedenheit festgestellt. Die bereits zugesagte Reduzierung der Klassenmesszahl auch an den Gymnasien auf 25 ist für viele Kolleginnen und Kollegen ein Signal der Hoffnung gewesen, zumindest eine kleine Hilfe zu erhalten, um individuelle Förderung in immer heterogener werdenden Klassen leisten zu können.

Die Heterogenität in den Lerngruppen wird bei der Bewältigung der Aufgabe der Inklusion und bei der bevorstehenden Integration von Flüchtlingskindern noch erheblich steigen. Lehrkräfte immer wieder vor die Herausforderung neuer Aufgaben zu stellen, aber dann zugesagte unterstützende Maßnahmen zurückzunehmen, kann sich nur negativ auf die Arbeitszufriedenheit auswirken. Das gefährdet auf Dauer auch die physische und insbesondere die psychische Gesundheit. Psychiatrische Erkrankungen hat das IfL übrigens bereits jetzt als ein „Hauptproblem“ festgestellt.

Warum verlängert die Landesregierung die Dienstzeit älterer Kolleginnen und Kollegen?

Sicherlich geht die Landesregierung davon aus, dass die Lehrkräfte der ersten Nachkriegsgeneration genügsam, fleißig und reich an Lebenserfahrungen sind. Insofern mag sie auch davon ausgehen, dass es in dieser Generation Frauen und Männer gibt, denen die Streichung von Altersentlastungstunden und die Hinausschiebung des Eintritts in den Ruhestand von 64 auf 65 Jahre (später 67 Jahre) gesundheitlich nichts ausmacht. Aus dem Ruhestand heraus rekrutiert man neuerdings sogar Pensionäre als „Senior-Berater“ für Schulleitungen. Der Philologenverband hat immer wieder vor einer Mehrbelastung älterer Lehrkräfte gewarnt. Außerdem muss in diesem Zusammenhang die Frage gestellt werden, wie es den knapp 3.000 jungen gymnasialen Assessoren geht, die ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben, sich auf Planstellen bewerben und immer wieder Absagen erhalten.

Um etwas für die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer in Rheinland-Pfalz zu tun, bedarf es guter Medizin, und die kann nicht aus einem Reformhaus kommen, das Spardiktaten unterliegt. Sie muss stattdessen aus einem Ministerium kommen, dem das Wohlbefinden seiner Lehrkräfte ein wertvolles Anliegen ist, für das sich jede Investition lohnt.

Folgende Medikamente empfiehlt der Philologenverband als besonders wirksam:

- das verkürzte gymnasiale Referendariat wieder verlängern, und zwar um eine Einstiegsphase ohne eigenverantwortlichen Unterricht

- die Klassenmesszahl - wie versprochen - auch an den Gymnasien deutlich senken

- die gestrichenen Altersentlastungstunden wieder aufstocken

- die Zeit für den Eintritt in den Ruhestand nicht kontinuierlich weiter bis ins hohe Alter hinein verschieben

- junge Lehrkräfte nicht nur fertig ausbilden, sondern auch einstellen

- Lehrkräfte, die mit Abiturprüfungen zu tun haben, entlasten, anstatt ihre Wochenarbeitszeit mithilfe sogenannter „Vorgriffsstunden“ zu erhöhen

Ralf Hoffmann

Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

Tel.: 02601-616050

 

Meine Schule:

Wilhelm-Remy-Gymnasium

Mühlenstraße 35

56170 Bendorf

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