Sie sind hier: Startseite » Verbandsbezirke » Mainz » Jungenförderung

Diskussionsanregung und Argumentationshilfe des
Bezirks Mainz im Philologenverband RLP
zum Thema
Gezielte Förderung von Jungen an weiterführenden Schulen
Der Bezirk Mainz im Philologenverband RLP hat sich mit dem Thema Jungenförderung auf Bezirksversammlungen, durch die Teilnahme einzelner Bezirksmitglieder an entsprechenden Fortbildungen sowie durch Diskussion mit Fachexperten auseinandergesetzt. Vor diesem Hintergrund sind die unten folgenden Ausführungen entstanden, die wir hier zusammengestellt haben, damit interessierte Kolleginnen und Kollegen einen ersten Zugang zu dieser Thematik bekommen und schneller einen Überblick über den derzeitigen Stand der Diskussion erhalten können.
In der pädagogischen Wissenschaft hat die Auseinandersetzung mit der Frage der Jungenförderung erst in den letzten Jahren begonnen, so dass die einzelnen Positionen hierzu durchaus unterschiedlich sind, wie der folgende Überblick zeigt:
„Die Jungen sind die Bildungsverlierer der letzten Jahre“ –
stimmt nicht, sagt Prof. Dr. Maria Anna Kreienbaum, Inhaberin des Lehrstuhls für Theorie der Schule bzw. Allgemeine Didaktik im Fachbereich Bildungs- und Sozialwissenschaften an der Universität Wuppertal, in ihrem Aufsatz: Die aktuelle „Jungen-Debatte“ – bildungspolitisch gewendet (in: Jugendforschung empirisch, S. 25 ff.).
„Die Jungs – erklärt sie – gehören immer auch zu den Besten“, – und knapp 50 % eines Abiturjahrgangs sei nach wie vor männlich. Auch die Ergebnisse der letzten PISA- und IGLU-Studien zeigten, dass Jungen nicht pauschal die Verlierer sind. Und weiter: „Mädchen lesen zwar besser als Jungen, aber in Mathematik werden sie von ihren Mitschülern immer noch abgehängt“.
Dass die Jungen die Bildungsverlierer der letzten Jahre sind, stimmt doch, sagt Prof. Allan Guggenbühl, Psychologe und analytischer Psychotherapeut sowie Leiter des Instituts für Konfliktmanagement und Mythodrama aus Zürich - in seinem Aufsatz: „Die Schule – ein weibliches Biotop?“, in: Handbuch Jungen-Pädagogik, S. 150 ff. Die Probleme der Jungen schlügen sich auch in schlechteren Schulleistungen nieder, behauptet er (vgl. ebd., Kap 2: S. 151); Jungen hätten mehr Probleme mit der Schule als Mädchen und er folgert daraus: „Wir müssen uns der Frage stellen, ob die Schule sich nach einer Pädagogik richtet, die den Interessen und Bedürfnissen der Jungen widerspricht. Vielleicht hat sich die Schule zu einem weiblichen Biotop entwickelt, in dem männliche Eigenschaften unerwünscht sind“ (ebd., S.154).
Ist die Schule in den letzten Jahren „verweiblicht“, wie Uta Erdsiek-Rave, ehemalige Bildungsministerin von SWH, formuliert hat? An den meisten Grundschulen prägen schon lange Lehrerinnen das Bild des Kollegiums – und wird das jetzt auch an den Gymnasien so kommen? Ein Blick in die Studienseminare legt dies nahe.
Und was bedeutet dies für unsere Schüler?
Nichts – sagt Jürgen Budde, wissenschaftlicher Assistent am Zentrum für Schul- und Bildungsforschung der Martin-Luther-Universität in Halle, in seinem Aufsatz: Perspektiven für Jungenforschung an Schulen; aus: Jungenforschung empirisch. Zwischen Schule, männlichem Habitus und Peerkultur, S. 73 ff.. Denn Studien, so Budde weiter, widerlegten die Annahme, dass Lernerfolge von Jungen davon abhängig seien, ob sie von Lehrerinnen oder Lehrern unterrichtet werden.
Bereits diese wenigen Zitate aus wissenschaftlichen Aufsätzen zeigen: In den letzten Jahren haben verschiedene Richtungen der – nennen wir sie der Einfachheit halber – „Bildungs-Wissenschaften“ intensiver die Frage diskutiert, wie Jungen gezielter an Schulen gefördert werden können. Dieses gestiegene Interesse belegt aber auch die große Nachfrage nach Büchern wie: „Die Jungenkatastrophe“ von Frank Beust (mit 4 Auflagen in 2 Jahren).
In RLP gibt es an Grundschulen zu dieser Thematik bereits Pilotprojekte/Schulversuche. In Kooperation mit dem bundesweiten Projekt: „Neue Wege für Jungs“, das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert wird, werden dort sog. „Projekte zur geschlechtersensiblen Jungenförderung“ durchgeführt. In Rheinland-Pfalz wird das Projekt „Neue Wege für Jungs“ auf verschiedene Art und Weise unterstützt. Zu den deutschlandweit 100 Netzwerkpartnern dieses Projekts gehört auch der „Berufliche Einstieg am Arbeitsmarkt e.V.“ (B.E.A.) in Kaiserlautern, der in seiner Heimatstadt einen „Boys´ Day“ etabliert hat. Weitere Partner sind Pro Familia in Trier und der Jungenarbeitskreis der Stadt Mainz. Das in Mainz beheimatete „Beratungscafé Unplugged“ war mit dem Projekt „Starke Jungs können auch NEIN sagen! Jungen in der Clique“ einer der Preisträger im Wettbewerb „Fort-Schritte wagen!“ und hat so den Weg in die „Gute-Beispiele-Datenbank“ gefunden.
Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium setzt so früh wie möglich im schulischen Werdegang an und hat seit geraumer Zeit deshalb das Modellprojekt auf den Weg unter dem Titel: „Die geschlechtsbewusste Grundschule – Jungenförderung in der Ganztagsschule“. An weiterführenden Schulen gibt es in RLP solche Schulversuche derzeit nicht.
Ein Beispiel für eine in diesem Sinne gelungene Jungenarbeit ist der Jungentreff der Goethe-Grundschule in Mainz. Zwei reine Jungengruppen treffen sich einmal in der Woche, um miteinander zu sprechen und zu spielen. Eine zweite Mainzer Schule, die Goethe-Hauptschule, hat ebenfalls geschlechterdifferenzierte Gruppen eingerichtet. Dabei liegt der Schwerpunkt auf bewegungs- und wettkampforientierten Inhalten. Damit sind diese Schulen nicht nur Lern- und Lebensort, sondern auch ein Ort für die Ausbildung der Geschlechteridentität.
Aber welchen grundsätzlichen Weg schlagen diese Pilotprojekte ein? Wie werden dort die Schüler gefördert? Und liefern sich diese Projekte mit Ansätzen wie:
· Schnupperpraktikum für Jungen in der Kita,
· oder einem Haushaltsparcours
nicht der Kritik derjenigen aus, die behaupten, dass dadurch im Grunde aus Jungen Mädchen gemacht werden sollen?
Was kann es konkret für die Schul-Praxis bedeuten, wenn Dr. Daniel Strüber, Professor für Allgemeine Psychologie an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, fordert: Die Kenntnis der Geschlechterunterschiede [hinsichtlich ihrer hirnbiologischen Grundlagen] sollte in der Pädagogik als Anreiz dienen, Jungen und Mädchen gezielt in den Bereichen zu fördern, die ihnen schwer fallen? (vgl. Strübers Aufsatz: Geschlechtsunterschiede im Verhalten und ihre hirnbiologischen Grundlagen, im: Handbuch der Jungenpädagogik, S. 34 ff.
Oder ist vielleicht sogar die eingangs zitierte These, Jungen seien die Bildungs-Verlierer der letzten Jahre, im Grunde nur ein Ablenkungsmanöver, durch das bei der Suche nach den Ursachen für die Bildungserfolge (bzw. Misserfolge) die vordringlich gesellschaftlichen Ursachen aus dem Blick außer Acht gelassen werden?
Und könnte es sinnvoll sein, sich innerhalb der Pädagogik zu fragen, ob bisweilen der Lernkontext von Unterricht mittlerweile zu einseitig auf weibliche Fähigkeiten und Arbeitsweisen ausgerichtet ist, so dass das männliche Gehirn nicht genug Anreize wahrnimmt, um seine Fähigkeiten einzusetzen – wie Daniel Strüber in seinem o. g. Aufsatz fragt.
Wie gelingt unter Schülern eine Herstellung von Männlichkeit – und was ist das eigentlich heute?
Der bereits zitierte Schweitzer Psychologie-Professor Allan Guggenbühl fordert: „Als Lehrperson muss Ausgangspunkt unserer pädagogischen Bemühungen“ (a.a.O., S. 154) die Psychologie sein.
Vor dem Hintergrund dieser Fragen und unterschiedlichen Ansichten hatte der PhV-Bezirk Mainz zwei Gäste zu seiner Bezirksversammlung im Mai 2010 zu einem Expertengespräch eingeladen:
o Frau Gabriela Jung, Kinder- und Jugendpsychologin in der Horst-Schmidt-Klinik in Wiesbaden
o Herr Reiner Wanielik, der u. a. beim paritätischen Bildungswerk RLP mitarbeitet
Die Notwendigkeit der Jungenförderung wurde von beiden Fachleuten wie folgt skizziert:
Sie ergebe sich u. a. aus der Tatsache, dass
• eine zunehmende Zahl von heranwachsenden Jungen heutzutage keine männlichen Vorbilder mehr in Kindergarten, Grundschule und auch zunehmend in weiterführenden Schulen hat,
• immer häufiger Väter in den Familien der Heranwachsenden fehlen,
• die Entwicklung von Mädchen und Jungen naturbedingt in gewissen Phasen unterschiedlich verläuft.
• Untersuchungen hätten zudem gezeigt, dass Jungen
• häufiger als unreif eingestuft und vom Schulbesuch zurückgestellt werden,
• einen höheren Erziehungshilfebedarf haben,
• häufiger in Förderschulen geschickt werden,
• größere Defizite im Sprachgebrauch haben
• und häufiger als Mädchen wegen Schulproblemen (LRS; ADHS...) in Diagnostik-Einrichtungen vorgestellt werden.
Dazu erläuterte Diplom-Psychologin Jung: „Fakt ist, dass Jungen und Mädchen sich nicht in der Anzahl von Problemen unterscheiden, wohl aber in der Art der Auffälligkeiten. Symptome der Mädchen seien eher introvertiert/autoaggressiv wie: Nägel-Kauen, Ritzen, das Entwickeln von Ess-Störungen. Symptome der Jungen seien eher extrovertiert/aggressiv - wie: körperliche Gewalt, sozial unerwünschte Reaktionen, verbale Attacken.“
Wie kann den Jungen aus dieser Misere geholfen werden?
Für den Sozialpädagogen Waniliek hilft es schon, den Fokus mehr auf die Probleme der Jungen zu richten. Weitere Maßnahmen, wie geschlechtsspezifischen Sportunterricht in gewissen Altersstufen, jungen-typische Erfahrungsfelder anzubieten, eine Individualisierung des Lernens zu ermöglichen oder eine Binnendifferenzierung zu praktizieren, die verschiedene Lerntempi zulässt, kämen nicht nur den Jungen zugute, waren sich beide Experten einig.
„Eigentlich bräuchten wir eine Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und eine grundsätzlich geänderte Schule", zog Jung das Fazit ihrer jahrelangen Beobachtungen als Psychologin, aber auch als Mitglied im Bundeselternbeirat.
Von einer Fortbildung des Deutschen Philologenverbandes zur Frage der Jungenförderung und einer thematisch entsprechenden Lehrerkonferenz hat Herr Dr. Michael Förster, PhV-Schulvertreter am Frauenlob-Gymnasium in Mainz, folgende Anregungen für eine Weiterarbeit an dieser Thematik zusammengefasst:
Expertenkongress des Deutschen Philologenverbandes in Kassel
Der Expertenkongress Ende Oktober 2010 in Kassel bot verschiedene interessante und hilfreiche Einblicke in diese Thematik.
Vorträge von Frau Professorin Dr. Susanne Lin-Kitzing aus Marburg und Dr. Barbara Rendthoff aus Paderborn, gaben einen guten Ein- und Überblick in den momentanen Forschungsstand zum Thema. Deutlich wurde hierbei, dass die derzeit vorhandenen Erhebungen nicht viele konkrete Schlüsse zulassen. Klar wurde jedoch, dass Jungen in unserer Gesellschaft, aufgrund verschiedenster Umstände, im schulischen Bereich eine bessere, eine intensivere und vor allem spezifischere Förderung brauchen.
Dass die Problematik auch bereits in der Politik angekommen ist, wurde an der Teilnahme von Dr. Angela Icken vom Referat Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und Staatssekretär Heinz-Wilhelm Brockmann aus dem Hessischen Kultusministerium deutlich. Deutlich wurde allerdings auch, dass die Schulen in den vielen Fällen mit der Problematik von Seiten der Politik erst einmal un-iformiert bzw. alleingelassen werden. Wie oft liegt es in erster Linie in der Hand der Kolleginnen und Kollegen, ob und wie sie diese Thematik in ihre Schulen tragen, ob sie Schulleitung und Kollegium informieren und gemeinsam mit anderen Interessierten, beispielsweise in einen Arbeitskreis, Überlegungen anstellen, wie man Jungen an den Schulen, im Unterrichten besser fördern kann.
Möglichkeiten dazu wurden auch auf der Veranstaltung in Kassel genannt und die wichtigsten Hinweise sind über den Bezirk Mainz im Philologenverband Rheinland-Pfalz und die dortigen Ansprechpartner, Herrn Dr. Knoblauch und Herrn Dr. Förster, zu bekommen.
Um die o. a. grundsätzlichen Ausführungen zu konkretisieren, folgen unten stichwortartig einige Überlegungen bzw. Ergebnisse einer Lehrer-Konferenz zu der Frage, ob eine gezielte Jungenförderung an einem Gymnasium genommen initiiert werden soll:
Pro | Contra |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Die Konferenz kam insgesamt betrachtet zu dem Schluss, dass eine Förderung von Jungen grundsätzlich wünschenswert ist. Im weiteren Verlauf der Konferenz kam es zum Austausch über konkrete Maßnahmen, die im schulischen Alltag ohne erheblichen Aufwand eine Möglichkeit darstellten, auf die besonderen Interessen und Eigenheiten von Jungs einzugehen.
Die bei diesem Austausch genannten Argumente werden hier als eine Art Stichwortsammlung anhängen:
Sollte eine Schule dieser Anregung folgen und sich der Jungenförderung gezielt anzunehmen, dann empfiehlt sich aus unserer Sicht die Einrichtung eines entsprechenden Arbeitskreises, in dem die o. g. und weitere Möglichkeiten erörtert und ausgearbeitet werden.
Mainz, Mai 2011

Bernd Werner, Frauenlob-Gymnasium, Adam-Karrillon-Str. 35, 55118 Mainz, Tel.: 06131/612558, Tel. priv.: 06131/338405

Dr. Thomas Knoblauch, Gymnasium am Kurfürstlichen Schloß, Greiffenklaustr. 2, 55116 Mainz, Tel.: 06131/907240, Tel. priv.: 06132/7196833