Mainz, 10.11.2025 – Als Gegenmodell zu der von der Landesregierung seit mehreren Jahren aufwendig inszenierten „Schule der Zukunft“, deren Namensgebung suggeriert, dass das derzeitige Bildungssystem zu altmodisch sei, um den künftigen Herausforderungen zu begegnen, hat der Philologenverband Rheinland-Pfalz auf seiner Vertreterversammlung 2025 am 4. und 5. November sein Konzept einer „Schule jetzt!“® präsentiert und durch den Vortragsredner, Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Fuchs, Inhaber der Karl-Jaspers-Professur der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, mit Argumenten der philosophischen Anthropologie und Erkenntnissen aus Psychologie sowie Psychiatrie untermauern lassen. Professor Fuchs ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und hat sich sowohl im Fach Psychiatrie als auch im Fach Philosophie habilitiert.
In Gegenwart des Bildungsministers Sven Teuber, des ADD-Präsidenten Thomas Linnertz, dem die gesamte Schulaufsicht des Landes untersteht, und vor knapp zweihundert Zuhörern – Gymnasiallehrkräfte von Gymnasien, Integrierten Gesamtschulen, Kollegs und Leiter der Studienseminare – referierte Fuchs zu dem Thema „Leibliche Präsenz: Lehren und Lernen in verkörperter Beziehung“.
Fuchs gelangte in seinem Vortrag zu dem Fazit, dass schulische Bildung nur im Rahmen verkörperter Beziehungen gelingt. „In gemeinsamer Auseinandersetzung mit einer Sache erwerben junge Menschen unter pädagogischer Anleitung Kenntnisse, Fertigkeiten, Werthaltungen und Urteilskraft. In diesen Konstellationen vollzieht sich auch die Persönlichkeitsbildung der Heranwachsenden. Sicher ist eine abgewogene Ergänzung durch digitale Instrumente und Verfahren sinnvoll und notwendig; doch die Digitalisierung kann die Zwischenleiblichkeit und die gemeinsame Aufmerksamkeit nicht ersetzen. Die Erfahrungen, die gerade Kinder, Jugendliche und Lehrende im Lockdown während der Corona-Pandemie gemacht haben, sollten uns eigentlich hinreichend gezeigt haben, dass nicht digitale Informationsübermittlung, sondern Lernen in Gemeinschaft die Grundlage eines gelingenden Unterrichts ist. Reale Präsenz ist durch virtuelle Präsenz nicht zu ersetzen.“
Ebenso konnte Fuchs plausibel darlegen, „dass der menschliche Geist und die Sprache sich nur in der Interaktion mit anderen entwickeln. Denn Geistiges beruht auf Bedeutungen, und Bedeutungen auf Beziehungen. Sie leiten sich ab von der frühkindlichen Erfahrung der geteilten Aufmerksamkeit, des Zeigens, und vom gemeinsamen Gebrauch der Worte. Neuronale Muster, die diesen Bedeutungen entsprechen und zugrunde liegen, werden dem Gehirn im Verlauf der Entwicklung eingeschrieben, aufgeprägt. Das Gehirn ist eine plastische Matrix, die die Beziehungserfahrungen des Kindes aufnimmt und in bleibende Fähigkeiten verwandelt.“
Im Einklang mit den Ausführungen des Festredners erläuterte die Landesvorsitzende des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz, Cornelia Schwartz das Konzept einer „Schule jetzt!“®. Diese versteht sich als eine bewusste Weiterentwicklung der Schule als Ort lebendigen Lernens mit klaren Strukturen, persönlicher Verantwortung und gelebter Beziehungskultur. „Wir wollen Schule nicht neu erfinden, sondern sie mit Augenmaß weiterdenken, so wie das auch bisher schon Kolleginnen und Kollegen getan haben. Wir wollen bewahren, was gut ist, und nur das verändern, was nicht lernförderlich ist.“
Mit großem Beifall wurden sowohl der Vortrag von Fuchs als auch die von Schwartz geäußerte Kritik am Handeln der Landesregierung bedacht. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion machten gymnasiale Lehrkräfte von Integrierten Gesamtschulen und Gymnasien dem Bildungsminister den Vorwurf, die teilweise nicht mehr erträglichen Arbeitsbedingungen zu ignorieren bzw. mit weltfremden pädagogischen Maßnahmen Abhilfe schaffen zu wollen. Ein neuer Realismus sei notwendig, der Probleme nicht verschleiert, die Beteiligungsrechte der Personalräte wahrt und der Expertise der Lehrkräfte vertraut.
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