Blick zurück auf FridaysForFuture…

BLICK 333

Foto: Jochen Ring

Wer mehrere Jahre im Lehrerberuf zugebracht hat, dürfte sich hin und wieder darüber gewundert haben, wie kritiklos Schülerinnen und Schüler manche Vorgaben „von oben“, auch solche, die von der Lehrperson selbst stammen, aufnehmen und umsetzen. In dem einen oder anderen Fall hätte man sich eventuell sogar etwas mehr Unangepasstheit seitens der Schutzbefohlenen gegenüber den Zumutungen der Autorität, wie berechtigt diese im Allgemeinen auch sein mögen, gewünscht. Ob solche Anwandlungen daher rühren, dass den ansonsten pflichtgetreu handelnden Beamten dann doch auch einmal das Gefühl beschleicht, vorschnell die Waffen vor „dem System“ gestreckt zu haben, sei dahingestellt – immerhin darf sich derjenige, der eine gewisse Widerständigkeit seiner Schülerinnen und Schüler mit einer stillen Sympathie begleitet, darauf berufen, dass das vornehmste Ziel der Erziehung auch in Zeiten der neoliberalen Kompetenzorientierung sich nicht auf die Anpassung der Einzelnen an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes bzw. der Wirtschaft insgesamt sowie der Gesellschaft beschränkt.

 

Vollkasko-Mentalität

 

Durchaus im Einklang mit derartigen Regungen dürfte das Befremden darüber stehen, dass manche unserer Zöglinge, von ihren Eltern unterstützt, sich bei der Teilnahme an bestimmten Demonstrationen sowohl auf das Prinzip der Gewissensfreiheit berufen als auch ganz selbstverständlich die Nicht-Sanktionierung ihres Fernbleibens vom Unterricht fordern, so als ob die Berufung auf Gewissensgründe per se die Inkaufnahme von Nachteilen ausschließe und die Geschichte nicht vielmehr leider gezeigt hätte, dass entsprechende Taten in der Regel mit großen Opfern verbunden sind. Eine Steigerung erfährt eine solche Vollkasko-Mentalität in einem nördlichen Bundesland, in dem die Bildungsadministration erklärt hat, dass es absolut in Ordnung sei, dass die Teilnahme an gewissen von der Obrigkeit als pädagogisch wertvoll erachteten Demonstrationen keine Fehlstunden nach sich ziehen müsse, dass sie, im Gegenteil, von den Schulleitern sogar positiv auf den Zeugnissen vermerkt werden dürfe; zur Verifizierung des Bescheinigten sei es jedoch angemessen, wenn die Schulleiter Beweisfotos von der Demo-Teilnahme verlangten.

 

Kluges Kalkulieren

 

Klug kalkulierenden Schülern, die ein berufliches Auskommen in politiknahen und anderen Bereichen, deren Eintrittspforte zu überwinden die passende Gesinnung erleichtert, anstreben, kann unter diesen Umständen nur dazu geraten werden, eine entsprechende Aufhübschung des Zeugnisses im Sinne des allseits erwünschten und positiv gewürdigten gesellschaftlichen Engagements wahrzunehmen.

 

Und in Rheinland-Pfalz?

 

Landesschüler*innenvertretung und Bildungsministerium haben sich auf ein, wie man aus Erwachsenen- oder Pädagogensicht formulieren kann, „konstruktives Vorgehen“ im Hinblick auf den Schutz der Umwelt verständigt. Nachdem man wohl zu dem Schluss gekommen ist, dass die Strategie der Verleihung von Auszeichnungen – „MINT-Region“, Internationales Abitur, Europaschule u.v.a.m. – marketingtechnisch als geglückt zu gelten hat, wurde das Erfolgsrezept – Profilieren, Punkte für das entsprechende Etikett sammeln, Etikett erhalten, Plakette an die Wand nageln – auf das Umwelt-Thema übertragen. Nun dürfen sich also Schulgemeinschaften für jede noch so kleinteilig definierbare Einzelmaßnahme, der eine Auswirkung auf das Umweltbewusstsein beigemessen werden kann, Punkte gutschreiben lassen: „durch Werbung für den ÖPNV“ 10 Punkte, durch den Ersatz von „Papiertüchern durch Stofftücher“ 25 Punkte, „durch eine Nachhaltigkeitsweiterbildung oder sonstige inhaltsähnliche Fortbildungen“ 35 Punkte, durch den Verzicht auf „Flüge und Kreuzfahrten […] (Ausnahmen sind Studienfahrten)“ 30 Punkte usw. usf.

 

Wenn man die zwölf Seiten des die Beschlüsse des Runden Tisches „Schule.Nachhaltig.Gestalten“ zusammenfassenden EPOS-Schreibens durchblättert, gelangt man bei aller berechtigten Freude darüber, dass Schülerinnen und Schüler sich der Umweltproblematik annehmen, unter anderem zu folgendem Fazit:

 

  1. Es kann wohl keine bessere Anpassung an und Vorbereitung auf das spätere Credit-Point-Sammeln im Studium geben als eine solche Maßnahme.
     
  2. Man muss der älteren Generation dafür gratulieren, dass sie es geschafft hat, den Protest der jüngeren in die „konstruktiven Kanäle“ eines evaluierbaren, zertifizierbaren und auf mathematischer Genauigkeit beruhenden Punktesystems, das in eine Plexiglasplakette mündet, zu lenken.
     
  3. Mir persönlich bleibt allerdings die Hoffnung, dass sich möglichst viele Schülerinnen, Schüler und Schulgemeinschaften auf den Weg machen und „einfach nur die Umwelt schützen“ – ohne Punkte, ohne Auszeichnung, ohne Plakette. Die Umwelt hat es um ihrer selbst willen verdient.